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AUSSTELLUNG “FLORA MAGICA” MIT WERKEN VON ISA DAHL, hermann försterling, thomas kitzinger, harry meyer und jeanette zippel 7. DEZEMBER 2014 BIS 18. JANUAR 2015 in der galerie cyprian brenner schwäbisch hall  
Galerie Cyprian Brenner, Schwäbisch Hall FLORA MAGICA – Isa Dahl, Hermann Försterling, Thomas Kitzinger, Harry Meyer, Jeanette Zippel Rede zur Ausstellungseröffnung am 7. Dezember 2014   Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Isa Dahl, Hermann Försterling, Thomas Kitzinger, Harry Meyer, Jeanette Zippel, warum es so ist, dass die Publikumslieblinge der Kunst, Blumenbilder, in der kunstwissenschaftlichen Betrachtung nur am Rande behandelt werden, – darüber kann man nur spekulieren. Möglicherweise mag es daran liegen, dass das Schöne häufig als flach abgetan wird oder uns vielleicht der Sinn für die Kraft des Schönen abhanden gekommen ist?
Es gab schon immer zwei Typen von Schönheit, heißt es: „… der eine zielte auf Annehmlichkeit, der andere verstörte. Nur der zweite lohnt heute noch“, schreibt Wolfgang Welsch in seinem Buch „Grenzgänge der Ästhetik“ (1996).
Die Moderne geißelte den „schönen Schein“ allzu ästhetischer Kunst, wohin gegen aktuell wieder durch den Wandel von Schönheitsvorstellungen, durch neue Technologien und Konsum die ästhetische und wissenschaftliche Reflexion über Schönheit zum Thema geworden ist. So stellt sich die Darstellung von Blumen in der zeitgenössischen Kunst als weitaus differenzierter dar als noch im letzten Jahrhundert. Die angedachte Frage, ob Blumenbilder überhaupt noch gemalt werden können, stellt sich nicht. Denn genauso könnte man fragen, ob es noch legitim sei, sich mit der Landschaft, den Dingen der Gegenstandswelt oder dem Menschen auseinanderzusetzen.
Schönheit, so heißt es, liege immer und ausschließlich im Auge des Betrachters. Schönheit ist ein abstrakter Begriff. Schön sein wollen wir alle: schön geformt, schön angezogen, schön frisiert, schön ausgestattet usw.. Und schöne Dinge schenken wir uns zu besonderen Ereignissen, Blumen zum Beispiel.
Wenn wir an berühmte Blumenbilder der Kunstgeschichte denken, werden wir feststellen, dass diese nicht unbedingt einer allgemeinen Vorstellung von Schönheit entsprechen. Zum Beispiel an Archimboldos Blumengesichter aus der Mitte des 16. Jahrhunderts (Allegorien der Vier Jahreszeiten, 1563) oder an Vincent van Goghs Sonnenblumenstillleben (1888). Auch Beispiele des 20. Jahrhunderts setzen Maßstäbe wie Georgia O’Kneefe’s großformatige Blumenbilder. Ihr Gemälde “Jimson Weed/White Flower No. 1″ aus dem Jahr 1932 wurde ganz aktuell am 20.11.2014 im Auktionshaus Sotheby’s in New York für 44,4 Mio Dollar, das sind 35,5 Mio. Euro, versteigert und ist somit das teuerste Bild einer Künstlerin und O’Kneefe zur Zeit die teuerste Malerin der Kunstgeschichte. Denken wir auch an Man Ray, der mit dem Medium der Schwarz-Weiß-Fotografie betörend schöne Aufnahmen von Pflanzen machte. In all den genannten Beispielen wird die florale Welt, das florale Motiv, zum Grenzgänger, zum Phänomen, das über die natürlichen Erscheinungen hinausgeht. Blumendarstellungen gibt es in der Kunst schon seit der Antike. Pflanzen und ihre Blüten waren in dieser Zeit die am häufigsten abgebildeten Motive auf Artefakten aller Art. Das Mittelalter bediente sich der Flora über ihre symbolische Bedeutung. So leitete man zum Beispiel von der Rose eine Herrschaftslegitimität ab. Spätmittelalterliche Künstler wie Albrecht Dürer und Hugo van der Goes zeigten die Schönheit einheimischer, heilkräftiger Pflanzen, deren Gebrauch ihnen geläufig war, im Zusammenhang mit dem eigentlichen Bildmotiv in untergeordneter Rolle. Erst seit dem 16. Jahrhundert gibt es Blumenstilleben auf eigenen Bildtafeln. In den Niederlanden entwickelte sich Uetrecht im 17. Jahrhundert zu einem Zentrum der Blumen- und Früchtestilllebenmalerei. Noch im Barock wurden Pflanzen nicht nur um ihrer selbst Willen dargestellt, sondern blieben Träger einer Symbolik. Die Blumenstilleben des 18. Jahrhunderts waren besonders dekorativ. Man schätze die Kostbarkeit der Farben, den Glanz des Lichts, die prachtvollen Erscheinungen und bewunderte die virtuose Nachahmung der Natur. Das Interesse an der Natur blieb jedoch noch immer religiös begründet. Mit der Abbildung von Flora und Fauna wurde dem Menschen die Schöpfung Gottes vor Augen geführt. Blumen waren als Metapher für das Leben angesehen, sollten aber mit ihrer Vanitassymbolik an eine maßvolle Lebensweise ermahnen.
Übrigens wurden Blumen erst im 17. Jahrhundert als Zierde des Gartens verstanden und botanische Gärten angelegt. Fürstenhäuser bauten weitläufige Orangerien für ihre seltenen, exotischen Pflanzen, die ihnen als Statussymbole dienten. Die Wiedergabe von Pflanzen und ihre Blüten erfüllte also über Jahrhunderte die unterschiedlichsten Zwecke. Als die Kunst ihre zweckgebundene Bestimmung verlor, verlor sich auch das Interesse der Künstler an diesem Spezialgebiet malerischen Ausdrucks. In eine Zeit der Kriege und gesellschaftlichen Katastrophen passten solche Motive nicht. Oder gerade doch, um dem Elend des Alltags zu entgehen.
Wieder mehr Aufmerksamkeit wurde ihnen erst dann wieder erwiesen, als man begann, sich über das Wesen der Dinge Gedanken zu machen. So weist die Kunst der Neuen Sachlichkeit in den 1920er und 1930er-Jahren eine wieder entfachte Auseinandersetzung mit der floralen Welt auf. Isolierung des Motivs, glatte Bildoberflächen, kühle Sachlichkeit und der nüchterne Blick charakterisieren diesen Stil. Ein anderer Begriff ist der des Magischen Realismus, eine Spielart der Neuen Sachlichkeit. Doch wie sieht es heute aus? „In der globalen Welt stellt das Diktum der Schönheit eine noch nie dagewesene Vielfalt von Identitätsangeboten zur Verfügung“, konstatiert Lydia Haustein in einem Buch zu den aktuellen Vorstellungen von Schönheit in Kunst, Medien und Alltagskultur (Göttingen 2006). „Identitätsangebote“, der Begriff nimmt auf die künstlerische Absicht ganz allgemein Bezug. Die Suche nach der Identität steht für die eigene psychologische und gesellschaftliche Standortbestimmtung, bezogen auf die Kunst, für den jeweiligen künstlerischen Anspruch.
Die zeitgenössische Künstlerschaft, die wir hier in der Galerie Cyprian Brenner in fünf ganz unterschiedlichen Positionen zum Thema vorgestellt bekommen, gibt zur Schönheit eine eindeutige Stellungnahme: schön ist, was gefällt (Punkt). Und Schönheit ist ein Wert, mit dem es sich vortrefflich arbeiten lässt. Und gerade deshalb ist es umso besser, dass sich Schönheit jeglicher eindeutiger Festlegung entzieht. Die Gemälde von Isa Dahl (geb. 1965) haben Ausschnitte aus Natur- und Stadtraum zum Ausgangspunkt, die in einer abstrakten Malweise umgesetzt werden. Zur Ausstellung „FLORA MAGICA“ zeigt die Malerin Beispiele aus ihrer Serie „FLOWERS 24hours“ (2006/07). Die Bilder sind „ermalte Netzwerke“, bestehen aus in-, über- und untereinander angebrachten Pinselbahnen und Linienschwüngen. Es sind Farblichträume mit magischer Ausstrahlung. Und, so die Künstlerin, sie habe durchaus nichts dagegen, wenn sie „auch schön seien“. Dahls fokussierte Motive sind zwar nicht eindeutig gegenständlich bestimmbar. Was uns bei ihren „FLOWERS“ jedoch an Blumen erinnern mag, sind vor allem die Farben, ihre Schönheit und prachtvolle Lebendigkeit. Die Künstlerin mit der unverkennbaren Malweise versteht ihre Bilder als eine Art „Erzählung des Seins“, das alle Erscheinungen der Natur miteinbezieht. Also nicht nur das Naturmotiv, sondern die Summe aller sinnlichen Eindrücke. Im Vordergrund ihres Handelns steht bei Isa Dahl immer die Malerei selbst, die sich über Farbe und Form ihren Weg sucht. Orte des Verlangens habe ich einmal ihre Werke bezeichnet, Orte, die emotionale, träumerische Momente enthalten. In dieser Bedeutung findet sich die Verbindung zur Ausstellungsidee, zur „FLORA MAGIA“, wie der Titel der neuen Ausstellung hier in der Galerie Cyprian Brenner heißt. Nicht nur Wissenschaftler, auch Künstler versuchen immer wieder die Grenzen menschlichen Verständnisses und der Erkenntnis möglichst weit hinauszuschieben. Magica oder magisch bedeutet rätselhaft und geheimnisvoll, aber auch unerklärlich und übernatürlich. Isa Dahl zeigt magic flowers, 24 Stunden lang. Ihre Welt ist auch die unsere, sie ist 24 Stunden um uns herum, wir müssen nur genau hinschauen. Der Physiognomie natürlicher Erscheinungen spürt der Maler und Fotograf Hermann Försterling (geb. 1955) nach. Aus seiner Feder stammt der Ausstellungstitel, angelehnt an sein Buch „Flora Magica“, in dem er naturalistisch dargestellte Ausschnitte von Blüten publiziert hat (2006). Försterlings Flora wird von einer beinahe übersinnlichen Schönheit bestimmt, von einer renaissancehaften Allianz zwischen Erfindung und Nachahmung der Natur. Ihm kommt dabei die moderne Technik zu Hilfe. Der Künstler malt nicht nur in altmeisterlicher Technik Gemälde in Öl auf Leinwand („Eismeer“), sondern fotografiert seine Motive auch, um sie am Computer durch kaum merklich sichtbare Eingriffe zu verändern. So zeigt die Serie „Flora Magica“ Blumenblüten, in die weibliche Schamlippen eingearbeitet wurden. Doch man muss schon ganz genau hinschauen, um das zu erkennen. Försterling rezipiert in Bildern dieser Art über die Vollkommenheit biologischer Erscheinungen und die Meisterleistungen der Natur.
Weiblichkeit und Blumenmotiv gehen traditionell sehr gut zusammen, so tragen Frauen Blumenkränze im Haar, streuen Blumenmädchen Blüten zu festlichen Anlässen, zeigt die Allegorie des Frühlings eine barbusige, weibliche Gestalt mit gefülltem Blumenkörbchen. Doch – „Kunst muss die Finger in die Wunde legen“, sagt Hermann Försterling und wir wissen jetzt so gar nicht, wie er das gemeint haben könnte. Aber es gibt auch noch den anderen Försterling, der in seinen fotografischen Selbstporträts die gesamte Bannbreite menschlicher Befindlichkeiten von beängstigend, über verunstaltet bis hin zu grotesk aufschlägt. Es wäre daher vermessen, seine Rosenbilder und Blumengemälde als nur schön oder rein ästhetisch abzutun. Vielmehr verbirgt sich hinter ihrem „schönen Schein“ die Erkenntnis der Ambivalenz aller Erscheinungen. Um Körperlichkeit kreist ebenfalls die Malerei von Thomas Kitzinger (geb. 1955). Sein Blick richtet sich mit großer Schärfe auf die gegenständliche Welt. Mit Sorgfalt werden einfache Dinge in ihrem Wesen erfasst, Gefäße, bunte Luftballons oder Kabelstränge zum Beispiel, aber auch ausschnitthaft gesehene florale Motive. Kitzinger gibt sie in einer hyperrealistischen Malweise wieder. Stephan Berg hat einmal über ihn geschrieben, es ginge dem Maler „um eine Austreibung des Realismus mit realistischen Mitteln.“ Und Kitzinger notierte selbst dazu: „Je genauer ich ins Detail gehe, desto sicherer entgleitet mir der Gegenstand, schlüpft mir wie eine Forelle aus der Hand“. Aus seinem Werk, das aus großen Werkgruppen besteht, hat er Bilder von Kakteen mitgebracht. Er zeigt diese Pflanzen jedoch nicht in ihrer natürlichen Umgebung oder im häuslichen Blumentopf, wie es zum Beispiel der Maler Rudolf Dischinger in den 1920er Jahren gemacht hat, sondern er malt die Sukkulenten ausschnitthaft vor unbestimmbarem, dunklen Hintergrund. Sie sind in ein künstliches Licht getaucht, das die Oberflächen lebendig im Spiel von Licht und Schatten modelliert, nicht ganz unähnlich den gelenkten Lichtinszenierungen des Barock.
Ob bei Försterling oder Kitzinger – ihre Bilder entgleiten unserem Realitätsempfinden. Je genauer die Motive umgesetzt werden, umso rätselhafter, beinahe mystischer erscheinen sie. Statt kühler Beobachtung und malerischer Präzision treffen wir im Werk von Harry Meyer (geb. 1960) auf eine überbordende Farbigkeit und expressive malerische Geste. Seine Blumenstillleben sind im gleichen Sinne keine Imitationen von Wirklichkeit. Die plastischen Farbmassen, aus denen der Gegenstand wie aus dem Nichts geformt wird, erzeugen beim Betrachten ein sinnlich ästhetisches Erlebnis. Meyer versteht sein Schaffen als „ … die konsequente Wegführung (von der Wirklichkeit) zu einer Akzentuierung des rein Wesentlichen, zu einer Sichtbarmachung naturhafter energetischer Prozesse, letztendlich zu einer Sichtbarmachung der Idee des Lebens selbst.“ Im vergangenen Jahr hat Harry Meyer einen Katalog zu diesen Motiven unter dem Titel „STILLES LEBEN“ herausgegeben (2013), doch stillstehend ist in diesen Bilder nichts. Da biegen sich die Blumenstängel zu ornamentalen Mustern, da verflechten sich grafische Liniengebilde mit flächenhaften Farbteilen zu Farblandschaften. Es scheint ganz so, als wolle der Maler damit den beginnenden Verfall des lebendigen Materials aufhalten. Da stürzen Kompositionslinien schräg durch das wilde Bildgerüst, bringen es aus der Balance, reagiert der fahrige Malgestus auf den Lebenskampf: Werden und Vergehen. Meyers „nature morte“ sind eigenwillige, auch rätselhafte Bilder, die ihre Kraft aus dem Umgang des Künstlers mit der Farbe schöpfen. Die „Flora Magica“, die geheimnisvolle Welt der Pflanzen, ist Teil der „Terra Magica“, deren Zusammenhänge die Menschheit noch nicht zu ihrer Gänze erforscht hat, und der es auch vermutlich nie ganz gelingen wird. Forschen, das ist das Stichwort für die Überleitung zu den Werken von Jeanette Zippel (geb. 1963). Sie ist mit ihrer Arbeit dem Leben der Bienen auf der Spur und das schon seit vielen Jahren. Zippel beschäftigt sich wissenschaftlich wie auch künstlerisch zum Beispiel mit dem Wabenbau oder der Brutpflege und studierte die Tanz- und Flugbewegungen dieser Tiere genau. Einen besonderen Aspekt ihrer Forschungen stellt die Auseinandersetzung mit der Wahrnehmungsleistung der Bienen dar. Daraus entstand die Serie der „Bienoptik“-Arbeiten, von denen hier in der Galerie auch zwei Arbeiten zu sehen sind. Sie zeigen in extremer Vergrößerung die mögliche Sicht einer Biene beim Anflug auf eine Blütenpflanze. In einer Art pointillistischen Technik, die an das Facettenauge des Insekts erinnert, nähert sich die Künstlerin dieser Vorstellung mit bildnerischen Mitteln, wissend, das Bienen zum Beispiel auf ultraviolett reflektierende und absorbierende Blütenpflanzen ansprechen. Beim Betrachten des großen Blütenbildes vermischen sich somit die Sicht des Betrachters mit derjenigen der Biene.
Zippels Pflanzenröhren aus transparentem Wachspapier sind eine Art Bienenpflanzenenzyklopädie. Über 2500 Stück hat die Künstlerin davon schon gemacht. Jede einzelne von ihnen bildet eine andere mitteleuropäische Bienenpflanze ab. Dass die Bestäubungsleistung der Bienen im Gleichgewicht der Natur einen sehr wichtigen Anteil im Kreislauf des Lebens haben, daran werden wir in der letzten Zeit durch Medienberichte immer wieder hingewiesen, was somit dem Werk der Künstlerin einen besonderen Aspekt verleiht. Pflanzen gehörten zu den ersten komplexen Organismen auf unserem Planeten. Warum wir zumeist natürliche Dinge als schön bezeichnen, mag damit zusammenhängen. Der Begriff „natürlich schön“ ist ein fester Topos. Schönheiten in der Natur, das kann eine schöne Landschaft sein, ein schönes Mondlicht, eine schöne Frucht, eine schöne Blume. Zeitgenössische Blumenbilder und Pflanzenmotive setzen noch heute Kunst und Schönheit in ein Abhängigkeitserhältnis, denn sie sind trotz mancher Abstrahierung und Verfremdung Zeugnisse für das natürlich Schöne, in dessen Aura Momente des Magischen mitschwingen, – „FLORA MAGICA“ eben.
Tauchen Sie jetzt ein in diese magische Welt der Pflanzen mit ihren Geheimnissen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit
© Dr. Sabine Heilig, im Dezember 2014