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Hanspeter Münch und Armin Göhringer

Von Leichtigkeit und Schwere

Vernissage: 26. März 2017, 11 Uhr

26. März bis 28. Mai 2017


 

Armin Göhringer und der Galerist Cyprian Brenner
Armin Göhringer und der Galerist Cyprian Brenner
von links: die Künstler Prof. Hanspeter Münch und Armin Göhringer
von links: die Künstler Prof. Hanspeter Münch und Armin Göhringer
von links: die Künstler Prof. Hanspeter Münch und Armin Göhringer
von links: die Künstler Prof. Hanspeter Münch und Armin Göhringer
Prof. Hanspeter Münch
Prof. Hanspeter Münch

Pressetext

Eine enorme Erweiterung der Möglichkeiten, welche die Malerei im zwanzigsten Jahrhundert erfahren hat entsteht dann, wenn es dem Künstler gelingt, mit seinem Werk gestalterische Probleme zu lösen ohne die Grundfragen der Malerei aus den Augen zu verlieren. Hanspeter Münch, dem 2012 von der Kunstsammlung Würth eine retrospektiv angelegte Ausstellung „LichtRäume“ gewidmet wurde, erforscht mit seiner Malerei die Körperlichkeit der Farbe in der Darstellung auf der Leinwand. Er erzeugt Farbvolumina und somit Raum nur mit der Farbe selbst und verzichtet ganz auf kompositorische Hilfsmittel. Seine Arbeiten ziehen den Betrachter in die von ihm erschaffenen Farbraumkörper. Sie erzählen von Transzendenz und bedienen so unser Bedürfnis nach geistiger Erfahrung. Vor allem Cézannes Farbenlehre durchdringt das Werk von Hanspeter Münch. Die malerische Auseinandersetzung darüber, wie Farbe einen Gegenstand bildet und nicht darüber, wie der Gegenstand in der Farbe erscheint, ist ein bahnbrechender Ansatz von Cézanne, der seiner Zeit weit voraus war. Auch Armin Göhringer arbeitet mit dem Raum. Der Holzbildhauer aus dem Schwarzwald lernte den Maler Hanspeter Münch als Professor, als der er an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach lehrte, kennen, denn auch er wollte einst Maler werden. Bald erkannte er, dass der Werkstoff Holz ein ihm viel verbundeneres Material ist. „Stabile Positionen“ nennt er selbst seine Arbeiten, die oft alles andere als stabil wirken. Denn Armin Göhringer reizt die dem Holz innenwohnende Kraft bis zur Grenze des Belastbaren aus. In jeder seiner Arbeit kommt die tiefgreifende Erfahrung, die er mit dem Werkstoff hat, zum Tragen. Auf dünnsten Säulen stehen dicke Holzquader, so dass der Betrachter sich fortwährend wundern muss, welch virtuoser Umgang Armin Göhringer mit seiner Kettensäge pflegt. Die Beziehung von Leichtigkeit und Schwere ist das belebende Moment dieser Ausstellung, die getragen von Farbe, Form und Inhalt im Raum eine erstaunliche Einheit bildet.

 

 

Eröffnungsrede zur Vernissage am 26.03.2017

von Dr. Sabine Heilig

 

Von Leichtigkeit und Schwere
Hanspeter Münch – Armin Göhringer
Galerie Cyprian Brenner Schwäbisch Hall
26. März bis 28. Mai 2017

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Hanspeter Münch und Armin Göhringer
der Maler Hanspeter Münch (geb. 1940 in Potsdam) mache „die Farbe selbst zum
Bild“(1), heißt es über ihn. Es ist eine abstrakte Malerei, bei der die Komposition aus der Bildfläche heraus auf den Betrachter zutritt; eine Malerei, die die Kraft hat, uns einzuhüllen und zu vereinnahmen.
Über Farbe in der Malerei nachzudenken, bedeutet, sich nicht nur mit ihren Gesetzmäßigkeiten, ihrer Materialität und der damit verbundenen Wirkungsweise zu beschäftigen, sondern sich auch dem Phänomen Farbe in ihrer geistigen Dimension zu widmen. Münchs künstlerisches Werk setzt sich ganz stringent und kompromisslos mit diesem Thema auseinander, in Werkgruppen und Serien, die sich ablösen, aber auch immer wieder aufgegriffen werden. In den Zusammenhang mit seinen Gemälden passen Begriffe wie z. B. Farbraumkörper, Farbmodulationen und Farbbewegungen, aber auch Farbenlicht und Farbdynamik. Es ist also nicht nur das atmosphärische Phänomen Farbe gemeint, sondern auch diejenigen Mechanismen, die der Farbe als körperhaftes Bildelement gestaltende Funktion zuweisen.
Somit knüpft Hanspeter Münch an das an, was Paul Cézanne dem 20. Jahrhundert für die Malerei mit auf den Weg gegeben hat, nämlich die Auseinandersetzung mit den Prozessen der Wahrnehmung. Wie Cézanne schulte auch Münch sein Auge an den Werken der alten Meister, an Chardin, Boucher oder Turner, dessen Malerei er in der Londoner Tate Gallery im Original kennenlernte. Sein Vorbild Cézanne studierte die
Klassiker wegen ihres „ungeheuren Handwerks, das sie in der Hand und in den Augen hatten.“(2)
Hanspeter Münch formuliert es noch anders. Er spricht von den drei H’s, aus denen ein Bildorganismus entwickelt werden muss. Ihm gehe es beim Malen immer um die Einheit von „Hirn, Herz und Hand“(3), um das Balancehalten zwischen künstlerischer Idee, handwerklicher Arbeit und gefühlsmäßiger Umsetzung.
Der umfangreiche Oeuvrekatalog des Künstlers (1960-2007) beginnt mit gegenständlichen Motiven noch aus der Zeit vor der Stuttgarter Akademie, wo er von 1963 bis 1966 studierte. Anschließend war Münch bis 1969 an der Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste in Hamburg und ließ sich danach für mehrere Jahre in Frankfurt nieder. Von 1976 bis 1977 hatte er ein Atelier in London. Es folgten Arbeitsaufenthalte in der Villa Romana in Florenz (1978) und der Villa Massimo in Rom (1981). Bereits 1974 erhielt Münch einen Lehrauftrag für Malerei an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach a.M., seit 1982 als Honorarprofessor. In die 80er Jahre fällt auch der Beginn der Realisierung umfangreicher architekturbezogener Arbeiten wie Wandbilder, Deckenmalerei und Glasfenster. In der Malerei setzen erste abstrakte „Farbräume“ 1969 an. Sie heißen „Modulation nach Cézanne“, „Lichtbewegung nach Grünewald“ oder „Tizians Farbraum“. Es folgt die Auseinandersetzung mit atmosphärischen Zuständen, die er mit Bildtitel wie „Nebelmeer“, „Horizonte“ oder „Lichträume“ bezeichnet. Weitergehende Assoziationen rufen anschließend Werke wie “Die Hochzeit des Sonnenkönigs“, „Ikarus“ oder „Kaskaden des Lichts“ hervor. Allen gemeinsam ist jedoch die Forderung nach dem Gegenüber, dem Betrachter. Ihm macht er in seinen Bildern das Angebot, den Schwingungen seiner vibrierenden Farbraumkörper, denen 60 Farbschichten und mehr zu Grunde liegen, zu folgen. Der Maler verwendet dazu transparente, flüssige Acrylfarbe, die er lasierend in Schichten aufträgt. Zum Malen werden die Leinwände auf den Boden gelegt. Das hat für ihn mehrere Vorteile: die flüssige Farbe kann nicht herabfließen und damit die charakteristischen Farbnasen erzeugen, was er vermeiden möchte. Im Gegenteil können sich dadurch sogenannte Farbinseln oder -seen bilden, in denen sich das Pigment verdichten kann. Darüber hinaus bietet ihm diese Arbeitstechnik die nötige Distanz zum Motiv und die Möglichkeit, das Bild bei der Arbeit zu umschreiten. In Münchs Werken gibt es zumeist kein konkretes Oben oder Unten, vielmehr sind alle Bildbereiche gleichwertig miteinander verbunden.
Doch wie entsteht dieser immer wieder beschriebene Eindruck von Körperhaftigkeit? Zum einen durch den schichtweisen Bildaufbau, dann über die mehr oder weniger größere Dichte des Farbmaterials, über die Licht- und Schattenmodulation und nicht zuletzt über die Wahrnehmungspsychologie der Farben selbst.
Die mit den Farbmodulationen erzielten Verknüpfungen haben Analogien zur Musik. Und so verwundert es nicht, zu hören, dass Hanspeter Münch aus einer musikalischen Familie stammt. Sein Vater war Geiger, seine Frau ist Cellistin. Er selbst legt sich beim Arbeiten gerne Wagner und Dvořák auf, hat er mir verraten, und stimmt seine Körperaktion beim Malen mit dem Takt einer Musik ab – die Aufbringung der Farbe wird zum „Bewegungsfaktor“. Auch wechseln sich , wie Münch sagt, aktive Phasen mit solchen des Abwartens ab, was den Gestaltungsprozess rhythmisiert. – Und, was ihm noch wichtiger ist, ein ständiges Reflektieren erlaubt.
Dass seine Bildmotive nicht aus dem weiten Feld des Unterbewusstseins heraus geschaffen werden, sondern immer aus einer konkreten Anschauung, mag die neue Werkreihe der „Saris“ (2017) verdeutlichen. Letzten November waren Hanspeter Münch und seine Frau bei Freunden zu einer traditionellen Hochzeit in Indien eingeladen und nicht zum ersten Mal fasziniert und angeregt von den farbintensiven und dekorreichen Gewändern. Sie sind farbenprächtige, die Sinne betörende Kostbarkeiten in den für dieses Land so typischen Farben: Indischgelb, Purpurrot, Indigo (Blauviolett), daneben Goldtöne in großer Prachtentfaltung. Doch Münch löst die starken Kontraste in seiner Malerei auf, lässt die Konturen verschwimmen, setzt mit diesem Sfumato eine Atmosphäre der Leichtigkeit dem Schweren gegenüber. Hiermit sind wir bei einem Begriff des Ausstellungstitels angekommen, der Leichtigkeit, die wir mühelos mit den schwerelosen Farbräumen von Hanspeter Münch verbinden. Bleibt der andere: die Schwere. Wäre das dann der Gegenpol zu dieser Malerei: die Holzarbeiten von Armin Göhringer?
In der Bildhauerkunst hat man sich seit jeher mit Aspekten wie Größe, Masse, Volumen und Gewicht auseinandergesetzt. Und natürlich auch mit dem optischen Gewicht einer Plastik, also ihrer Wirkung im Raum. Denn ihre visuelle Erscheinung muss nichts mit ihrem tatsächlichen Gewicht zu tun haben (vgl. aktuell in der letzten Ausstellung hier: Robert Schads lineare Skulpturen aus massivem, schweren Vierkantstahl). Armin Göhringer lotet mit seinem künstlerischen Material, dem Holz, diesen Zwischenbereich zwischen Schwere und Leichtigkeit auf verblüffende Art und Weise immer wieder neu aus. Er wurde 1954 in Nordrach geboren und lebt und arbeitet noch heute im Schwarzwald, in Zell am Hamersbach, wo ihm ein weitläufiges Atelier mit großem Freigelände zur Verfügung steht. Von 1976 bis 1982 studierte Göhringer an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach, jedoch nicht bei Hanspeter Münch, der dort in der Malklasse
lehrend tätig war. Einen Schwarzwälder zu fragen, warum er gerade in Holz arbeitet, ist ähnlich wie Eulen
nach Athen zu tragen. Sicher, das Material liegt sozusagen vor der Haustüre, doch es steckt noch mehr dahinter. Die klassische Bildhauerei, ich meine „klassisch“ im Sinne der Moderne, ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts völlig neue Wege gegangen. Die Künstler waren vollkommen frei in der Wahl ihrer Bearbeitungsmethoden. So kamen beim Bearbeiten von Holz zunehmend eher die Kettensäge und der Schweißbrenner zum Einsatz als traditionelles Arbeitsgerät wie der Stechbeitel. Zugleich wurden damals die Grundlagen für ein völlig neues skulpturales Formenrepertoire geschaffen, das den Leerstellen einer Skulptur, also den Löchern, genauso viel Bedeutung zumaß wie dem stehengelassenen Material (dem Positivvolumen sozusagen). Genau da setzte Armin Göhringer vor über 30 Jahren an, an der Aushöhlung und Entkernung
des Holzes und der damit verbundenen Herausstellung der Leerräume einer Skulptur. Die lange Erfahrung genügt, um mittlerweile die statischen Gesetzmäßigkeiten bis an die Grenze des Machbaren zu treiben und dem doch recht widerspenstigen Material die eigenen Formideen abzuringen. In der Arbeit mit dem Baumstamm zeigt sich jedoch auch Göhringers Naturverständnis, denn das Holz setzt ihm und seinem Tun immer Grenzen, die es zu beachten gilt: was weggeschnitten oder herausgebrochen ist, ist unwiederbringlich verloren. Und Holz, so wie er es verwendet, ist ein lebendiges Material, das noch nach dem Bearbeiten ein Eigenleben führt. Und so entpuppt sich die vermeintliche Leichtigkeit seiner Skulpturen bei genauer Betrachtung als ein ausgeklügeltes Konstrukt von Lasten und Tragen, Stehen und Fallen und dem genau bemessenen Gleichgewicht der Massen. Aus dem kompakten Holzstamm schneidet Göhringer Blöcke, Stangen und netzartige Strukturen aus. Zentrales Motiv ist seit vielen Jahren die Kreuzschichtung, das heißt, der Holzstamm wird mit einem gleichmäßigen Raster waagerechter und senkrechter Schnitte versehen. Die herausgesägten Partien öffnen den zuvor geschlossenen Körper und lassen das Licht als
bildnerisches Element mit in die Arbeit einfließen. Die Einbeziehung dieses Raumlichts, also des Standortlichts, wird durch die Fassung (die Bemalung) der Holzoberflächen unterstützt. Die meisten Arbeiten von Armin Göhringer sind schwarz bemalt; er verwendet dazu schwarzes Pigment und Leinöl. Zusätzlich
hat die Bearbeitung des hölzernen Werkstücks mit der Kettensäge Spuren auf dem Material hinterlassen, das heißt, die Oberflächen sind nicht völlig glatt und eben, sondern von den Schnitten durch Einkerbungen und abgesplitterten Partien gekennzeichnet. Der Künstler korrigiert die abstehenden Holzfasern behutsam mit dem Bunsenbrenner, doch Schwundrisse und andere Veränderungen des Holzes sind unvermeidbar und gehören selbstverständlich zum Charakter eines Werks. Neben freistehenden, hoch aufragenden Skulpturen, solchen, die sich wie lange Finger in den Himmel strecken, gibt es auch blockhafte Kompositionen, die dem Boden verhaftet bleiben und sich in der Waagerechte entwickeln. Eingespannt zwischen zwei Kuben,
die Sockel und Kopf oder Ober- und Unterkörper assoziieren, spannt sich ein vertikales Geflecht dünner Stäbe, die wie Tentakeln oder Muskelfasern die Lasten auf beiden Seiten in der Spannung halten: ein labiles Gleichgewicht, wie es scheint. Armin Göhringers Werk der letzten Jahre verzeichnet viele solche Stücke, die durch eine immer größere Materialreduzierung noch filigraner und zerbrechlicher wirken. In den schwarzen Holzreliefs, präsentiert auf weißen Wänden (wie auch hier zu sehen), vermittelt der Bildhauer einen weiteren Aspekt. Diese wirken beinahe wie in die Fläche geklappte, dreidimensionale Körper, wenngleich mehrschichtig, dennoch und vor allem von der Entfernung gesehen wie grafische Zeichnungen. Ausgangspunkt dieser Serie bilden Göhringers Holz-Papier-Verbindungen, von jeher schon als Wandobjekte konzipiert, in denen die Symbolik des organischen Materials noch unterstrichen wird. Der Künstler presst angefeuchtetes, grobfaseriges Büttenpapier auf Skulpturenteile, das sich als Positivform auf dem Papier abdruckt. Wie eine Art schützende Verpackung überdeckt das getrocknete, lederartig wirkende Papier die gesägten Holzteile. Die warme, bräunliche Farbe des Papiers rührt von der ausgetretenen Gerbsäure des Holzes her.
„Von Leichtigkeit und Schwere“ –
Auf einen Schlusssatz verzichte ich gerne, da Sie nun eingeladen sind, Ihre Fragen im
anschließenden Gespräch mit den beiden Künstlern noch zur Sprache bringen zu lassen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

(1) W. Urban, in: Hanspeter Münch, Katalog 2007, S. 202
(2) I. Freudenberg, Der Zweifler Cézanne, 2001, S. 66

(3) Im Gespräch mit der Verfasserin im Atelier am 18.2.2017
© Dr. Sabine Heilig, Nördlingen, im März 2017