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YGGDRASIL

mit Helge Hommes (Malerei) und Klaus Hack (Skulptur) 17. März bis 14. April 2019 in Schwäbisch Hall



Pressetext

 

In der nordischen Mythologie gibt es einen Baum, der die ganze Welt umspannt, von dem alles Leben abhängt, der das Himmelsgewölbe stützt und die Unterwelt zusammenhält. Der Baum verkörpert den Kosmos. Er heißt Yggdrasil. Die Kunst von Helge Hommes und Klaus Hack spiegeln je auf ihre eigene Weise die Symbolik von Yggdrasil. Die Kunstwerke transportieren die Mystik und die Naturverbundenheit in unsere Gegenwart und erschaffen so eine Welt, die die Essenz und den Geist der Natur einfängt um sie am Leben zu erhalten.

 

Der Ur-Erzählung der nordisch-germanischen Mythologie von der Weltenesche Yggdrasil, liegt ein vom Dualismus geprägtes geistiges Ordnungsprinzip zugrunde. Die Gegenspieler Gut und Böse, sowie Geist und Materie, bzw. Irdisches und Überirdisches, sind von den Bewohnern dieser Welten (Himmelsgewölbe, Mittelwelt, Unterwelt), im Gleichgewicht zu halten. Die Achse bildet der Weltenbaum, von dessen Wohlergehen alles Leben abhängt. Wie auch in der Bibel, beginnt dieses Narrativ mit der Schöpfung. Dualistisch zu Ende gedacht, liegt in der (nahen) Zukunft die Götterdämmerung. Eingeläutet wird sie von den ersten verwelkten Blättern vom ansonsten immergrünen Yggdrasil.

Unsere gegenwärtige Zukunftsperspektive auf diesem Planeten entspricht einem apokalyptischen Szenario, dessen sich der junge Helge Hommes bereits mit achtzehn Jahren bewusst war. Hommes fasste den Entschluss, sein komplettes Leben dem Kampf für den Naturschutz zu widmen. Sein virtuoses künstlerisches Talent ist ihm bis heute Werkzeug – seine Kunst hat den Anspruch unsere gesellschaftlichen Verhältnisse kreativ zu verändern, ganz im Sinne der von Joseph Beuys geprägten „sozialen Plastik“.

Auch die Kunst von Klaus Hack befasst sich mit kollektiven Gesellschaftsformen in metaphorischer Weise. Weniger mit dem Anspruch, diese zu verändern, zitiert Hack aus verschiedenen Narrativen und Mythologien, entwirft eigene mystische Figuren und gießt mit seiner unverwechselbaren bildhauerischen Sprache eine Welt in ihre Fassung.

Ursprung aller Mythologie ist der Mensch. Im Bewusstsein unserer Verletzlichkeit und unserer Vergänglichkeit, begrenzt durch unsere anatomische und geistige Beschaffenheit – und die der anderen – versuchen wir, den Herausforderungen des Lebens entgegenzutreten. Unser Verlangen, der komplexen Wirklichkeit beizukommen und über Ordnungssysteme die Welt zu erklären, ließ uns, und lässt uns noch immer, Narrative erschaffen. Je mächtiger diese Narrative sind, desto mehr Menschen glauben an sie, und umso einflussreicher werden auch die daraus entstehenden Gesellschaften, Religionen, Unternehmen usw. Das ist auch einer der Schlüssel für unseren Erfolg, warum der Homo sapiens also als alleinige Menschenart es schaffte, den gesamten Planeten zu bevölkern: die Fähigkeit zur „fiktiven Sprache“. (Yuval Noah Harari, Universalhistoriker und u.a. Autor des Bestsellers „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, prägte in selbigen Sachbuch diesen Begriff.) Die Fähigkeit zur „fiktiven Sprache“, der kollektive Glaube also, an eine erdachte Erzählung, lässt uns in großen befriedeten Gemeinschaften zusammenleben, wozu unsere sozialen Fähigkeiten niemals ausreichen würden.

Die Malerei von Helge Hommes und die Skulpturen von Klaus Hack befriedigen unser innerstes Bedürfnis nach Erzählung im tiefsten Kern unserer Wahrnehmung. Ihre Kunst lässt je auf ihre Weise unsere Mythologien, Religionen und die Sehnsucht nach einer welterklärenden Wahrheit, symbolisch und metaphorisch zur Materie werden. Noch dazu berühren die großformatigen Malereien und die weiß gefassten Holzskulpturen den in uns tief verwurzelten Wunsch nach dem Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein und die Hoffnung, mit ihr im Einklang zu leben.