Arbeiten und Kunstwerke von Friedrich Sieber
GCB Kunstlexikon
FRIEDRICH SIEBER
BIOGRAFIE FRIEDRICH SIEBER
Friedrich Sieber war ein bedeutender deutscher Maler und Grafiker der Nachkriegsavantgarde, der vor allem für seine Beiträge zum Informel, zum Action Painting und zur geometrischen Abstraktion bekannt ist.
Er wurde 1925 in Reichenberg geboren. Nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs und der Vertreibung fand er in Süddeutschland eine neue Heimat. Seine professionelle künstlerische Laufbahn begann im Jahr 1950 mit dem Eintritt in die Kunstakademie Stuttgart. Im Jahr 1956 erlangte er durch die Mitgründung der avantgardistischen „Gruppe 11“ überregionale und bald auch internationale Aufmerksamkeit. Er verbrachte sein weiteres produktives Arbeitsleben vorwiegend im Raum Stuttgart, wo er 2002 verstarb und ein bedeutendes Œuvre der deutschen Nachkriegsabstraktion hinterließ.
Geburtsjahr: 1925 (15. Dezember)
Geburtsort: Reichenberg, Tschechoslowakei (heute Liberec, Tschechien)
Todesjahr: 2002 (29. August)
Sterbeort: Stuttgart, Deutschland
AUSBILDUNG FRIEDRICH SIEBER
Ab dem Jahr 1950 absolvierte Friedrich Sieber ein umfassendes Studium der Malerei und Grafik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Er studierte als Meisterschüler bei dem renommierten deutschen Maler und Akademieprofessor Manfred Henninger, einem Mitbegründer der Stuttgarter Neuen Sezession.
MITGLIEDSCHAFTEN FRIEDRICH SIEBER
Im Jahr 1956 gründete Fridrich Sieber die Gruppe 11 gemeinsam mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró. Sie gilt als eine der treibenden Kräfte des deutschen Informel und des Action Paintings in Süddeutschland.
Deutscher Künstlerbund: Sieber war im Umfeld des Deutschen Künstlerbundes aktiv. Seine Arbeiten wurden auf dessen prominenten Jahresausstellungen gezeigt.
Künstlerbund Baden-Württemberg: Durch seinen Lebensmittelpunkt und sein Studium in Stuttgart war er eng mit der regionalen Kunstszene und den dortigen Landesverbänden verknüpft.
AUSZEICHNUNGEN FRIEDRICH SIEBER
Ehrengabe des Lovis-Corinth-Preises: Im Jahr 1992 wurde Friedrich Sieber mit dieser namhaften Auszeichnung geehrt. Der vom Künstlergilde e.V. verliehene Preis würdigt bildende Künstler, die einen wesentlichen Beitrag zum deutschen Kulturgeschehen leisten.
SAMMLUNGEN FRIEDRICH SIEBER
Städel Museum Frankfurt am Main
Staatliche Kunstsammlungen Baden-Württemberg
AUSSTELLUNGEN FRIEDRICH SIEBER
Direkt nach der Formierung der Gruppe 11 erregte Sieber zusammen mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró internationale Aufmerksamkeit. Das Kollektiv stellte ab 1957 in europäischen Kunstmetropolen aus: London, Brüssel, Rom (1957): wegweisende Präsentationen im Ausland, die den Kontakt zur internationalen Post-War-Avantgarde herstellten.
PROJEKTE FRIEDRICH SIEBER
Das Manifest der Gruppe 11 (1956): Ein gemeinsames Aktions- und Ausstellungsprojekt zur Etablierung des Action Painting im deutschen Südwesten, das wegbereitend für den kulturellen Austausch mit englischen und italienischen Avantgardisten war.
WERKBESCHREIBUNG FRIEDRICH SIEBER
SCHWERPUNKTE | MEDIEN
Malerei, Grafik
THEMEN | MOTIVE
Absolute Gegenstandslosigkeit.
Erforschung von Farbbeziehungen, räumlicher Dynamik und visuellen Schwingungen (z. B. durch Rotationen oder geometrische Drehimpulse).
Kontrast- und Harmoniewirkung von Farbflächen – Farbe wird als autarkes Ausdrucksmittel eingesetzt.
DEFINITION | BESCHREIBUNG | MERKMALE | STIL
Nicht das Motiv steht im Vordergrund, sondern das immanente Verhalten und die Richtungsdynamik reiner Farbflächen zueinander.
Die frühe informelle Phase (ab 1956)
In seinen „wilden Bildern“ und Materialschichtungen der Gruppe 11 ging es Sieber um den unmittelbaren Farbauftrag. Der Stuttgarter Literaturwissenschaftler und Kunstkritiker Reinhard Döhl analysierte Siebers frühe Arbeiten anhand von drei Kernphänomenen:
Das Farbgefälle: Sieber entdeckte, dass jede reine Farbe eine optische Eigendynamik besitzt und in eine bestimmte Richtung tendiert (z. B. ein Rot, das sich visuell zu Braun, Lila oder Gelb hin bewegt).
Die Dehnung durch die Bildmitte: Die Anordnung der Farbmassen wird radikal von der Bildmitte diktiert. Der Farbauftrag drängt von der Mitte weg zu den Rändern hin, was dem Betrachter die Illusion einer Dehnung der Leinwand vermittelt.
Der Randumlauf: Am äußersten Bildrand kippt diese Bewegung um. Sieber nannte dies „Randumlauf“ – eine optische Gegenwirkung, die das Auge des Betrachters wieder zurück ins Bildzentrum federt und eine scheinbare Stauchung oder „Quetschung“ der Farbzonen erzeugt.
Die geometrische Farbfeld- und Grafikphase (ab ca. 1965)
In den 1960er- und 1970er-Jahren wandelte sich die ungesteuerte, wilde Dynamik hin zu einer streng durchdachten, rationalen Konstruktion. Seine Werke, oft betitelt als „Drehimpuls“ oder „Formtendenzen der Farbe“, bestehen aus mathematisch anmutenden, klaren geometrischen Flächen, Kreisbögen und exakten Farbfeldern.
Seine Malerei floss direkt in seine Siebdrucke (Serigrafien) ein. Der extrem gleichmäßige, flache Farbauftrag des Siebdrucks erlaubte es ihm, Farbkontraste, wie z.B. Rot-Lila-Kombinationen ohne sichtbare Pinselspuren und in absoluter Reinheit aufeinandertreffen zu lassen.
KÜNSTLERPORTRÄT FRIEDRICH SIEBER
Friedrich Sieber (1925–2002): In Reichenberg (Tschechoslowakei) geborener Maler, Grafiker und wegweisender Mitbegründer der avantgardistischen Nachkriegsabstraktion im Südwesten. Nach Kriegsdienst, Vertreibung und Gefangenschaft kam er 1950 nach Stuttgart, wo er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste bei Manfred Henninger studierte. Auf der Suche nach radikal neuen Ausdrucksformen gründete er dort 1956 gemeinsam mit Georg Karl Pfahler, Günther C. Kirchberger und Attila Biró die legendäre „Gruppe 11“. Diese lose Künstlervereinigung verschrieb sich dem internationalen Impuls des Action Painting und des gestischen Informel, um die traditionelle Malerei durch explosive, ungebremste Spontaneität aufzubrechen. Siebers Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte stilistische Evolution und eine singuläre Erforschung von Farbbewegungen aus: Während seine frühen, teils stürmischen Mischtechniken der 1950er-Jahre wie „Bedrängtes Blau“ ganz der rauen, emotionalen Materie des Informel verpflichtet waren, vollzog er Anfang der 1960er-Anfänge eine bewusste Wende hin zu größerer struktureller Disziplin. Er beruhigte den Pinselduktus und fand zu einer klaren, zeichenhaften Formensprache, in der er konstruktive Bildelemente organisch mit den flächigen Gesetzen der Farbfeldmalerei verwob. In seinen komplexen Serien wie den „Drehimpulsen“ steigerte er das kontrollierte Fließen von Acryl- und Ölfarben zu geometrisch austarierten Schwingungen. Als tragendes Mitglied der Stuttgarter Schule und unermüdlicher Experimentator über die Genregrenzen hinweg sicherte er dem dynamischen Übergang von der gestischen zur kalkulierten Abstraktion einen absolut prägenden, international geschätzten Platz in der Kunstgeschichte des deutschen Südwestens.
STICHWORTE FRIEDRICH SIEBER
Gruppe 11, Stuttgarter Schule, Manfred Henninger, Informel, Action Painting, Hard Edge, Farbfeldmalerei, Nachkriegsavantgarde, Farbserigrafie, Städel Museum.