GCB Kunstlexikon
PURISMUS
KUNSTWERKE PURISMUS

Purismus, Thomas Kitzinger, A2-14, 2014, Öl auf Aluminium, 120 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Ouvertüre, 1996, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A1 – 22, 2022, Öl auf Aluminium, 60 cm x 44 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Todmacher, 1997, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A6-06, 2006, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Der Kuss, 1998, Bleistift auf Papier, 200 cm x 300 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Kussmaschine, 1999, Bleistift auf Papier, 200 cm x 325 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
VIDEOS PURISMUS
Purism in Art | Origins, Style & Key Artists Explained | Allan’s Canvas | Born in post-World War I France, Purism sought harmony, clarity, and order in art. Led by Le Corbusier and Amédée Ozenfant, the movement reacted against Cubism’s fragmentation, favoring clean lines, simple forms, and a machine-age aesthetic. In this video, we explore the philosophy of Purism, its major works, and how it influenced architecture, design, and modernist thought. Discover why Purism remains a quiet but important chapter in the history of 20th-century art. | YouTube
KURZBESCHREIBUNG PURISMUS
DIE ÄSTHETIK DER REINEN FORM
Der Purismus ist eine von Amédée Ozenfant und Le Corbusier 1918 begründete Ästhetik und Kunstrichtung, deren Theorie durch die von ihnen herausgegebene Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ propagiert wurde. Der Purismus entstand aus einer positiven Kritik am Kubismus, dessen dekorative Aufweichungserscheinungen Ozenfant und Le Corbusier in ihrer 1918 erschienen Schrift „Après le Cubisme“ beklagten, und war ein Ruf zur Ordnung, basierend auf der Erkenntnis, dass Ordnung sowohl für den Geist des Menschen wie auch für seine Umwelt eine unabdingbare Notwendigkeit ist. Der Purismus strebte eine klare, rationale Malerei an , die der modernen, technisch wissenschaftlichen Welt entsprach. Um die strenge anonyme Ordnung der Formen nicht durch individuelle, gefühlsmäßige, zufällige Einflüsse zu trüben, zog der Purismus als Bildobjekt den industriell hergestellten, standardisierten Gegenstand, das „Objekt moderne“ vor, das er mit harter, glatter, maschineller Präzision wiedergab. Diese Ästhetik hatte vor allem Einfluss auf die Entwicklung der modernen Architektur, aber auch auf die Kunstrichtung des Präzisionismus. Der Purismus ist eine der einflussreichsten Strömungen der Moderne. Er revolutionierte das Verständnis von Kunst, Design und Architektur, indem er das Chaos der Welt in mathematische Ordnung goss.
DEFINITION PURISMUS
Der Purismus (vom lateinischen purus = rein) ist eine Kunst- und Architekturtheorie der Moderne. Er versteht sich als eine Weiterentwicklung und gleichzeitige Korrektur des Kubismus.
KERNPRINZIPIEN PURISMUS
Ablehnung des Ornaments: Dekoration ohne Funktion wird als überflüssig und ablenkend abgelehnt.
Mathematische Ordnung: Kunst und Architektur basieren auf klaren, geometrischen Gesetzen und Proportionen (z. B. dem Goldenen Schnitt).
Die Ästhetik der Maschine: Industriell gefertigte Alltagsgegenstände werden für ihre funktionale, schnörkellose Form als neue Schönheitsideale gefeiert.
Objektive Realität: Statt emotionaler Willkür sucht der Purismus nach universellen, zeitlosen Formen (Objekt-Typen).
HISTORIE & CHRNOLOGIE
Der Purismus war eine direkte Antwort auf die gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg.
1918 – Das Manifest
Der Maler Amédée Ozenfant und der Architekt Charles-Édouard Jeanneret (später bekannt als Le Corbusier) veröffentlichen das Manifest Après le cubismus (Nach dem Kubismus). Es gilt als die Geburtsstunde der Bewegung.
1920–1925 – Das Sprachrohr
Die beiden Gründer geben die einflussreiche Avantgarde-Zeitschrift L’Esprit Nouveau (Der neue Geist) heraus. Sie erweitern die puristische Theorie auf Architektur, Städtebau und Gesellschaft.
1925 – Der Höhepunkt
Auf der Weltausstellung für Kunstgewerbe in Paris präsentiert Le Corbusier den Pavillon L’Esprit Nouveau. Er zeigt eine radikal puristische Wohneinheit inklusive standardisierter Designmöbel.
Ab 1926 – Die Metamorphose
Die reine Malerei des Purismus verliert an Schwung. Die Prinzipien fließen jedoch vollständig in die internationale Architektur der Moderne (International Style) und das Industriedesign ein.
WEGBEREITER PURISMUS
Der Purismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er baute auf philosophischen und künstlerischen Vorläufern auf:
Der späte Paul Cézanne
Seine Methode, die Natur auf grundlegende geometrische Formen (Zylinder, Kugel, Kegel) zu reduzieren, legte das Fundament.
Der frühe Kubismus (Braque, Picasso)
Er brach mit der klassischen Perspektive. Dem Purismus ging der Kubismus jedoch bald „zu weit“, da er Formen zersplitterte und dekorativ wurde.
Die Industrialisierung
Die aufkommende Massenproduktion von Autos, Flugzeugen und Maschinen bewies, dass funktionale Gegenstände eine inhärente, reine Schönheit besitzen.
WICHTIGE KÜNSTLER & ARCHITEKTEN
Die Bewegung wurde von einem kleinen, aber extrem fokussierten Kern getragen:
Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret): Der Chefideologe. Er übertrug die puristischen Prinzipien der Malerei auf die Architektur und schuf Ikonen des modernen Bauens.
Amédée Ozenfant: Der theoretische Kopf hinter den Manifesten. Seine Stillleben sind die reinsten malerischen Umsetzungen der puristischen Idee.
Fernand Léger: Stand dem Purismus zeitweise sehr nahe. Er entwickelte eine eigene, monumentale „Maschinen-Ästhetik“ mit zylindrischen, mechanischen Formen.
HAUPTWERKE PURISMUS
„Natur morte“ (Stillleben) von Amédée Ozenfant (verschiedene Versionen, um 1920)
Diese Bilder zeigen alltägliche Objekte wie Flaschen, Gläser und Pfeifen, die in exakten geometrischen Umrissen ineinandergreifen. Die Farbpalette ist streng erdig und gedämpft.
„Gitarre, Flasche und Glas“ von Le Corbusier (1921)
Eine meisterhafte Komposition, die zeigt, wie Musikinstrumente und Alltagsgegenstände zu einer architektonischen Einheit auf der Leinwand verschmelzen.
Pavillon de L’Esprit Nouveau (Paris, 1925)
Ein Prototyp für serielles Wohnen. Ein puristischer Kubus, der um einen Baum herum gebaut wurde, komplett ohne Dekoration, eingerichtet mit Typenmöbeln.
Villa Savoye (Poissy, 1929–1931)
Das absolute Meisterwerk des architektonischen Purismus. Das Gebäude ruht auf weißen Betonstützen (Pilotis), besitzt ein Flachdach, langgezogene Fensterbänder und einen völlig freien Grundriss. Es wirkt wie ein gelandetes, weißes Raumschiff aus reiner Geometrie.
EINFLÜSSE DES PURISMUS AUF DIE HEUTIGE ZEITGENÖSSISCHE KUNST
Der Purismus der 1920er-Jahre wirkt bis heute intensiv nach. Während zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler die strenge Dogmatik von Le Corbusier und Ozenfant oft ablehnen, nutzen sie deren Kernprinzipien – Reduktion, Geometrie, serielle Wiederholung und die Ästhetik des Alltäglichen – als mächtige Werkzeuge in der heutigen Kunstwelt.
Hier sind die wichtigsten Einflüsse des Purismus auf die zeitgenössische Kunst:
Minimal Art und die Ästhetik der Leere
Die direkte Brücke vom Purismus zur Gegenwart schlug die Minimal Art der 1960er-Jahre (Donald Judd, Dan Flavin), deren Erbe heute aktueller denn je ist. Zeitgenössische Bildhauer und Installationskünstler nutzen puristische Prinzipien, um den Fokus radikal auf das Material und den Raum zu lenken.
Das Prinzip: Kunstwerke verweisen nicht mehr auf eine tiefere, verborgene Symbolik. Sie sind genau das, was sie visuell darstellen – reine Form und Struktur.
Heutige Praxis: Künstler wie Santiago Sierra oder Monika Sosnowska nutzen industrielle Materialien (Beton, Stahlträger), um die Architektur des Raumes puristisch zu sezieren.
Post-Digitaler Purismus (Glitch und Vektor-Kunst)
In der digitalen und Krypto-Kunst (NFTs) erlebt der Purismus eine virtuelle Renaissance. Da digitale Räume unendlich komplex sein können, wählen viele Kunstschaffende ganz bewusst den Weg der maximalen Reduktion.
Das Prinzip: Die Reduktion von Formen auf mathematische Vektoren, klare Linien und algorithmische Ordnung – genau wie es der Purismus 1918 mit dem Lineal forderte.
Heutige Praxis: Digitale Künstler wie Vera Molnár (Pionierin der algorithmischen Kunst) oder zeitgenössische Krypto-Künstler nutzen Programmiercodes, um perfekte, harmonische Geometrien zu erzeugen, die frei von menschlicher „Unreinheit“ sind.
Readymades und die „Objekt-Typen“ von heute
Der Purismus feierte standardisierte Industrieobjekte (objets-types) wie Flaschen und Gläser als formvollendet. Die heutige Kunst führt diesen Gedanken im Kontext der Massenproduktion und Digitalisierung fort.
Das Prinzip: Alltagsgegenstände werden nicht wegen ihres emotionalen Wertes, sondern wegen ihrer universellen, funktionalen Form isoliert und ästhetisiert.
Heutige Praxis: Jeff Koons stellte in seinen frühen Werken fabrikneue Staubsauger in Vitrinen aus – eine direkte Weiterführung der puristischen Maschinen-Begeisterung. Aktuelle Konzeptkünstler wie Darren Bader arrangieren Konsumgüter in extrem minimalistischen Setzungen im Ausstellungsraum.
Das Comeback der puristischen Monochromie
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus vor allem im Verzicht auf figurative Darstellung und opulente Farbmischungen.
Das Prinzip: Die Konzentration auf die reine Wirkung einer einzigen Farbe und die Textur des Untergrunds.
Heutige Praxis: Maler wie Robert Ryman oder zeitgenössische Künstler der Radical Painting-Bewegung reduzieren ihre Leinwände oft auf Nuancen von Weiß oder Grau. Sie untersuchen damit – ganz im Sinne von Ozenfants Farbtheorien – wie reines Licht und pure Pigmente den Betrachter psychologisch beeinflussen.
Zusammenfassung
Der größte Einfluss des Purismus auf die Kunst von heute ist die Befreiung vom Ballast. Er hat Künstlern beigebracht, dass das Weglassen von Dekoration und Erzählung kein Verlust ist, sondern die Essenz eines Werkes erst sichtbar macht.
ZEITGENÖSSISCHE KÜNSTLER PURISMUS
Skulptur und Raum: Industrielle Präzision
Diese Kunstschaffenden arbeiten mit der kompromisslosen Klarheit, die Le Corbusier einst für die Architektur forderte. Sie nutzen industrielle Fertigungsmethoden und verzichten komplett auf dekorativen Ballast.
Monika Sosnowska (*1972): Die polnische Künstlerin nimmt architektonische Elemente (wie Stahlträger, Treppen oder Geländer) und reduziert sie auf ihre rein geometrische Skelettstruktur. Ihre monumentalen Skulpturen wirken wie die puristischen Baupläne der Moderne, die im Raum physisch verbogen wurden.
Gerold Miller (*1961): Der deutsche Künstler arbeitet an der Grenze zwischen Bild und Skulptur. Er verwendet hochglänzenden Autolack auf präzise geformten Aluminium- und Edelstahlrahmen. Seine Werke zeichnen sich durch makellose, maschinelle Oberflächen aus, bei denen die „Leere“ im Inneren des Rahmens zum eigentlichen Kunstwerk wird.
Jeppe Hein (*1974): Er führt die geometrische Strenge fort, bricht sie jedoch interaktiv auf. Seine perfekten, minimalistischen Kuben aus Neonröhren oder verchromtem Stahl reagieren auf die Bewegung der Betrachter und spiegeln die Umgebung in absolut klarer Symmetrie.
Malerei: Die Suche nach der reinen Essenz
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus im radikalen Verzicht auf gegenständliche Erzählungen und in der Konzentration auf das pure Material und die Linie.
Lee Ufan (*1936): Der weltberühmte koreanische Künstler (Mitbegründer der Mono-ha-Bewegung) verkörpert den asiatisch geprägten Purismus. Seine Gemälde bestehen oft nur aus einem einzigen, präzisen Pinselstrich oder wenigen Punkten auf einer ansonsten völlig leeren, weißen Leinwand. Es geht um das pure Verhältnis von Form, Raum und Zeit.
Loie Hollowell (*1983): Die US-amerikanische Künstlerin übersetzt organische und menschliche Formen in mathematisch absolut symmetrische, geometrische Kompositionen. Ihre Bilder nutzen Licht- und Schattenverläufe mit einer fast architektonischen, plastischen Reinheit.
Callum Innes (*1962): Ein schottischer Meister der „aufgelösten“ Malerei. Er trägt Farbe auf die Leinwand auf und wäscht sie anschließend mit Terpentin systematisch wieder ab. Was bleibt, ist die pure, freigelegte Struktur des Pigments – ein Akt des malerischen Purismus, der alles Überflüssige entfernt.
Thomas Kitzinger (* 1955 in Neunkirchen/Saar):
Er malt oft serielle, extrem reduzierte Porträts oder sachliche Alltagsgegenstände auf glatten, industriellen Bildträgern wie Aluminium. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine makellose, fast maschinell wirkende Präzision aus, die jede persönliche, emotionale Handschrift des Künstlers zugunsten der reinen, objektiven Form eliminiert. Das knüpft direkt an Le Corbusiers Forderung nach sachlichen „Objekt-Typen“ an.
Peter König (* 1953 Geboren in Nürnberg):
Der strukturelle Purismus mit dem Fokus auf die Maschinenästhetik.
Mit einer großen Faszination für das Mechanische setzt Peter König sich intensiv mit anatomischen Strukturen und maschinell-mechanischen Konstrukten auseinander. König geometrisiert die organische Form und zelebriert die absolute Schärfe und Linearität der Linie. Diese kompromisslose, mathematisch-konstruktive Strenge teilt die ästhetische DNA mit den Maschinen-Manifesten des frühen Purismus.
Alltagsgegenstände und die „Objekt-Typen“
Die puristische Idee, industrielle Massenprodukte (objets-types) für ihre funktionale Ästhetik zu feiern, wird von heutigen Konzeptkünstlern weitergedacht:
Darren Bader (*1978): Er arrangiert alltägliche Konsumgüter, Designobjekte oder sogar Lebensmittel in extrem nüchternen, puristischen Kompositionen direkt auf dem Galerieboden. Er hinterfragt damit – genau wie Ozenfant vor 100 Jahren – die Grenze zwischen Alltagsdesign und Hochkunst.
ZITATE PURISMUS
Die kompromisslose Haltung der Puristen lässt sich am besten durch ihre eigenen Worte verstehen:
„Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen.“ | Le Corbusier (Ausdruck des radikalen funktionalen Denkens)
„Der Kubismus ist zu einer dekorativen Kunst der Intellektuellen geworden. Wir wollen eine Kunst, die gesund, klar und rational ist.“ | Ozenfant & Jeanneret (Aus Après le cubisme, 1918)
„Die Kunst hat die Pflicht, das Universelle und Zeitlose darzustellen, nicht das Zufällige und Individuelle.“ | Amédée Ozenfant
PURISMUS
KUNSTWERKE PURISMUS

Purismus, Thomas Kitzinger, A2-14, 2014, Öl auf Aluminium, 120 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Ouvertüre, 1996, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A1 – 22, 2022, Öl auf Aluminium, 60 cm x 44 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Todmacher, 1997, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A6-06, 2006, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Der Kuss, 1998, Bleistift auf Papier, 200 cm x 300 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Kussmaschine, 1999, Bleistift auf Papier, 200 cm x 325 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
VIDEOS PURISMUS
Purism in Art | Origins, Style & Key Artists Explained | Allan’s Canvas | Born in post-World War I France, Purism sought harmony, clarity, and order in art. Led by Le Corbusier and Amédée Ozenfant, the movement reacted against Cubism’s fragmentation, favoring clean lines, simple forms, and a machine-age aesthetic. In this video, we explore the philosophy of Purism, its major works, and how it influenced architecture, design, and modernist thought. Discover why Purism remains a quiet but important chapter in the history of 20th-century art. | YouTube
KURZBESCHREIBUNG PURISMUS
DIE ÄSTHETIK DER REINEN FORM
Der Purismus ist eine von Amédée Ozenfant und Le Corbusier 1918 begründete Ästhetik und Kunstrichtung, deren Theorie durch die von ihnen herausgegebene Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ propagiert wurde. Der Purismus entstand aus einer positiven Kritik am Kubismus, dessen dekorative Aufweichungserscheinungen Ozenfant und Le Corbusier in ihrer 1918 erschienen Schrift „Après le Cubisme“ beklagten, und war ein Ruf zur Ordnung, basierend auf der Erkenntnis, dass Ordnung sowohl für den Geist des Menschen wie auch für seine Umwelt eine unabdingbare Notwendigkeit ist. Der Purismus strebte eine klare, rationale Malerei an , die der modernen, technisch wissenschaftlichen Welt entsprach. Um die strenge anonyme Ordnung der Formen nicht durch individuelle, gefühlsmäßige, zufällige Einflüsse zu trüben, zog der Purismus als Bildobjekt den industriell hergestellten, standardisierten Gegenstand, das „Objekt moderne“ vor, das er mit harter, glatter, maschineller Präzision wiedergab. Diese Ästhetik hatte vor allem Einfluss auf die Entwicklung der modernen Architektur, aber auch auf die Kunstrichtung des Präzisionismus. Der Purismus ist eine der einflussreichsten Strömungen der Moderne. Er revolutionierte das Verständnis von Kunst, Design und Architektur, indem er das Chaos der Welt in mathematische Ordnung goss.
DEFINITION PURISMUS
Der Purismus (vom lateinischen purus = rein) ist eine Kunst- und Architekturtheorie der Moderne. Er versteht sich als eine Weiterentwicklung und gleichzeitige Korrektur des Kubismus.
KERNPRINZIPIEN PURISMUS
Ablehnung des Ornaments: Dekoration ohne Funktion wird als überflüssig und ablenkend abgelehnt.
Mathematische Ordnung: Kunst und Architektur basieren auf klaren, geometrischen Gesetzen und Proportionen (z. B. dem Goldenen Schnitt).
Die Ästhetik der Maschine: Industriell gefertigte Alltagsgegenstände werden für ihre funktionale, schnörkellose Form als neue Schönheitsideale gefeiert.
Objektive Realität: Statt emotionaler Willkür sucht der Purismus nach universellen, zeitlosen Formen (Objekt-Typen).
HISTORIE & CHRNOLOGIE
Der Purismus war eine direkte Antwort auf die gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg.
1918 – Das Manifest
Der Maler Amédée Ozenfant und der Architekt Charles-Édouard Jeanneret (später bekannt als Le Corbusier) veröffentlichen das Manifest Après le cubismus (Nach dem Kubismus). Es gilt als die Geburtsstunde der Bewegung.
1920–1925 – Das Sprachrohr
Die beiden Gründer geben die einflussreiche Avantgarde-Zeitschrift L’Esprit Nouveau (Der neue Geist) heraus. Sie erweitern die puristische Theorie auf Architektur, Städtebau und Gesellschaft.
1925 – Der Höhepunkt
Auf der Weltausstellung für Kunstgewerbe in Paris präsentiert Le Corbusier den Pavillon L’Esprit Nouveau. Er zeigt eine radikal puristische Wohneinheit inklusive standardisierter Designmöbel.
Ab 1926 – Die Metamorphose
Die reine Malerei des Purismus verliert an Schwung. Die Prinzipien fließen jedoch vollständig in die internationale Architektur der Moderne (International Style) und das Industriedesign ein.
WEGBEREITER PURISMUS
Der Purismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er baute auf philosophischen und künstlerischen Vorläufern auf:
Der späte Paul Cézanne
Seine Methode, die Natur auf grundlegende geometrische Formen (Zylinder, Kugel, Kegel) zu reduzieren, legte das Fundament.
Der frühe Kubismus (Braque, Picasso)
Er brach mit der klassischen Perspektive. Dem Purismus ging der Kubismus jedoch bald „zu weit“, da er Formen zersplitterte und dekorativ wurde.
Die Industrialisierung
Die aufkommende Massenproduktion von Autos, Flugzeugen und Maschinen bewies, dass funktionale Gegenstände eine inhärente, reine Schönheit besitzen.
WICHTIGE KÜNSTLER & ARCHITEKTEN
Die Bewegung wurde von einem kleinen, aber extrem fokussierten Kern getragen:
Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret): Der Chefideologe. Er übertrug die puristischen Prinzipien der Malerei auf die Architektur und schuf Ikonen des modernen Bauens.
Amédée Ozenfant: Der theoretische Kopf hinter den Manifesten. Seine Stillleben sind die reinsten malerischen Umsetzungen der puristischen Idee.
Fernand Léger: Stand dem Purismus zeitweise sehr nahe. Er entwickelte eine eigene, monumentale „Maschinen-Ästhetik“ mit zylindrischen, mechanischen Formen.
HAUPTWERKE PURISMUS
„Natur morte“ (Stillleben) von Amédée Ozenfant (verschiedene Versionen, um 1920)
Diese Bilder zeigen alltägliche Objekte wie Flaschen, Gläser und Pfeifen, die in exakten geometrischen Umrissen ineinandergreifen. Die Farbpalette ist streng erdig und gedämpft.
„Gitarre, Flasche und Glas“ von Le Corbusier (1921)
Eine meisterhafte Komposition, die zeigt, wie Musikinstrumente und Alltagsgegenstände zu einer architektonischen Einheit auf der Leinwand verschmelzen.
Pavillon de L’Esprit Nouveau (Paris, 1925)
Ein Prototyp für serielles Wohnen. Ein puristischer Kubus, der um einen Baum herum gebaut wurde, komplett ohne Dekoration, eingerichtet mit Typenmöbeln.
Villa Savoye (Poissy, 1929–1931)
Das absolute Meisterwerk des architektonischen Purismus. Das Gebäude ruht auf weißen Betonstützen (Pilotis), besitzt ein Flachdach, langgezogene Fensterbänder und einen völlig freien Grundriss. Es wirkt wie ein gelandetes, weißes Raumschiff aus reiner Geometrie.
EINFLÜSSE DES PURISMUS AUF DIE HEUTIGE ZEITGENÖSSISCHE KUNST
Der Purismus der 1920er-Jahre wirkt bis heute intensiv nach. Während zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler die strenge Dogmatik von Le Corbusier und Ozenfant oft ablehnen, nutzen sie deren Kernprinzipien – Reduktion, Geometrie, serielle Wiederholung und die Ästhetik des Alltäglichen – als mächtige Werkzeuge in der heutigen Kunstwelt.
Hier sind die wichtigsten Einflüsse des Purismus auf die zeitgenössische Kunst:
Minimal Art und die Ästhetik der Leere
Die direkte Brücke vom Purismus zur Gegenwart schlug die Minimal Art der 1960er-Jahre (Donald Judd, Dan Flavin), deren Erbe heute aktueller denn je ist. Zeitgenössische Bildhauer und Installationskünstler nutzen puristische Prinzipien, um den Fokus radikal auf das Material und den Raum zu lenken.
Das Prinzip: Kunstwerke verweisen nicht mehr auf eine tiefere, verborgene Symbolik. Sie sind genau das, was sie visuell darstellen – reine Form und Struktur.
Heutige Praxis: Künstler wie Santiago Sierra oder Monika Sosnowska nutzen industrielle Materialien (Beton, Stahlträger), um die Architektur des Raumes puristisch zu sezieren.
Post-Digitaler Purismus (Glitch und Vektor-Kunst)
In der digitalen und Krypto-Kunst (NFTs) erlebt der Purismus eine virtuelle Renaissance. Da digitale Räume unendlich komplex sein können, wählen viele Kunstschaffende ganz bewusst den Weg der maximalen Reduktion.
Das Prinzip: Die Reduktion von Formen auf mathematische Vektoren, klare Linien und algorithmische Ordnung – genau wie es der Purismus 1918 mit dem Lineal forderte.
Heutige Praxis: Digitale Künstler wie Vera Molnár (Pionierin der algorithmischen Kunst) oder zeitgenössische Krypto-Künstler nutzen Programmiercodes, um perfekte, harmonische Geometrien zu erzeugen, die frei von menschlicher „Unreinheit“ sind.
Readymades und die „Objekt-Typen“ von heute
Der Purismus feierte standardisierte Industrieobjekte (objets-types) wie Flaschen und Gläser als formvollendet. Die heutige Kunst führt diesen Gedanken im Kontext der Massenproduktion und Digitalisierung fort.
Das Prinzip: Alltagsgegenstände werden nicht wegen ihres emotionalen Wertes, sondern wegen ihrer universellen, funktionalen Form isoliert und ästhetisiert.
Heutige Praxis: Jeff Koons stellte in seinen frühen Werken fabrikneue Staubsauger in Vitrinen aus – eine direkte Weiterführung der puristischen Maschinen-Begeisterung. Aktuelle Konzeptkünstler wie Darren Bader arrangieren Konsumgüter in extrem minimalistischen Setzungen im Ausstellungsraum.
Das Comeback der puristischen Monochromie
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus vor allem im Verzicht auf figurative Darstellung und opulente Farbmischungen.
Das Prinzip: Die Konzentration auf die reine Wirkung einer einzigen Farbe und die Textur des Untergrunds.
Heutige Praxis: Maler wie Robert Ryman oder zeitgenössische Künstler der Radical Painting-Bewegung reduzieren ihre Leinwände oft auf Nuancen von Weiß oder Grau. Sie untersuchen damit – ganz im Sinne von Ozenfants Farbtheorien – wie reines Licht und pure Pigmente den Betrachter psychologisch beeinflussen.
Zusammenfassung
Der größte Einfluss des Purismus auf die Kunst von heute ist die Befreiung vom Ballast. Er hat Künstlern beigebracht, dass das Weglassen von Dekoration und Erzählung kein Verlust ist, sondern die Essenz eines Werkes erst sichtbar macht.
ZEITGENÖSSISCHE KÜNSTLER PURISMUS
Skulptur und Raum: Industrielle Präzision
Diese Kunstschaffenden arbeiten mit der kompromisslosen Klarheit, die Le Corbusier einst für die Architektur forderte. Sie nutzen industrielle Fertigungsmethoden und verzichten komplett auf dekorativen Ballast.
Monika Sosnowska (*1972): Die polnische Künstlerin nimmt architektonische Elemente (wie Stahlträger, Treppen oder Geländer) und reduziert sie auf ihre rein geometrische Skelettstruktur. Ihre monumentalen Skulpturen wirken wie die puristischen Baupläne der Moderne, die im Raum physisch verbogen wurden.
Gerold Miller (*1961): Der deutsche Künstler arbeitet an der Grenze zwischen Bild und Skulptur. Er verwendet hochglänzenden Autolack auf präzise geformten Aluminium- und Edelstahlrahmen. Seine Werke zeichnen sich durch makellose, maschinelle Oberflächen aus, bei denen die „Leere“ im Inneren des Rahmens zum eigentlichen Kunstwerk wird.
Jeppe Hein (*1974): Er führt die geometrische Strenge fort, bricht sie jedoch interaktiv auf. Seine perfekten, minimalistischen Kuben aus Neonröhren oder verchromtem Stahl reagieren auf die Bewegung der Betrachter und spiegeln die Umgebung in absolut klarer Symmetrie.
Malerei: Die Suche nach der reinen Essenz
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus im radikalen Verzicht auf gegenständliche Erzählungen und in der Konzentration auf das pure Material und die Linie.
Lee Ufan (*1936): Der weltberühmte koreanische Künstler (Mitbegründer der Mono-ha-Bewegung) verkörpert den asiatisch geprägten Purismus. Seine Gemälde bestehen oft nur aus einem einzigen, präzisen Pinselstrich oder wenigen Punkten auf einer ansonsten völlig leeren, weißen Leinwand. Es geht um das pure Verhältnis von Form, Raum und Zeit.
Loie Hollowell (*1983): Die US-amerikanische Künstlerin übersetzt organische und menschliche Formen in mathematisch absolut symmetrische, geometrische Kompositionen. Ihre Bilder nutzen Licht- und Schattenverläufe mit einer fast architektonischen, plastischen Reinheit.
Callum Innes (*1962): Ein schottischer Meister der „aufgelösten“ Malerei. Er trägt Farbe auf die Leinwand auf und wäscht sie anschließend mit Terpentin systematisch wieder ab. Was bleibt, ist die pure, freigelegte Struktur des Pigments – ein Akt des malerischen Purismus, der alles Überflüssige entfernt.
Thomas Kitzinger (* 1955 in Neunkirchen/Saar):
Er malt oft serielle, extrem reduzierte Porträts oder sachliche Alltagsgegenstände auf glatten, industriellen Bildträgern wie Aluminium. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine makellose, fast maschinell wirkende Präzision aus, die jede persönliche, emotionale Handschrift des Künstlers zugunsten der reinen, objektiven Form eliminiert. Das knüpft direkt an Le Corbusiers Forderung nach sachlichen „Objekt-Typen“ an.
Peter König (* 1953 Geboren in Nürnberg):
Der strukturelle Purismus mit dem Fokus auf die Maschinenästhetik.
Mit einer großen Faszination für das Mechanische setzt Peter König sich intensiv mit anatomischen Strukturen und maschinell-mechanischen Konstrukten auseinander. König geometrisiert die organische Form und zelebriert die absolute Schärfe und Linearität der Linie. Diese kompromisslose, mathematisch-konstruktive Strenge teilt die ästhetische DNA mit den Maschinen-Manifesten des frühen Purismus.
Alltagsgegenstände und die „Objekt-Typen“
Die puristische Idee, industrielle Massenprodukte (objets-types) für ihre funktionale Ästhetik zu feiern, wird von heutigen Konzeptkünstlern weitergedacht:
Darren Bader (*1978): Er arrangiert alltägliche Konsumgüter, Designobjekte oder sogar Lebensmittel in extrem nüchternen, puristischen Kompositionen direkt auf dem Galerieboden. Er hinterfragt damit – genau wie Ozenfant vor 100 Jahren – die Grenze zwischen Alltagsdesign und Hochkunst.
ZITATE PURISMUS
Die kompromisslose Haltung der Puristen lässt sich am besten durch ihre eigenen Worte verstehen:
„Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen.“ | Le Corbusier (Ausdruck des radikalen funktionalen Denkens)
„Der Kubismus ist zu einer dekorativen Kunst der Intellektuellen geworden. Wir wollen eine Kunst, die gesund, klar und rational ist.“ | Ozenfant & Jeanneret (Aus Après le cubisme, 1918)
„Die Kunst hat die Pflicht, das Universelle und Zeitlose darzustellen, nicht das Zufällige und Individuelle.“ | Amédée Ozenfant
PURISMUS
KUNSTWERKE PURISMUS

Purismus, Thomas Kitzinger, A2-14, 2014, Öl auf Aluminium, 120 cm x 84 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Ouvertüre, 1996, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A1 – 22, 2022, Öl auf Aluminium, 60 cm x 44 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Todmacher, 1997, Bleistift auf Papier, 200 cm x 250 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Thomas Kitzinger, A6-06, 2006, Öl auf Leinwand, 70 cm x 120 cm, Preis auf Anfrage, Galerie Cyprian Brenner

Purismus, Peter König, Der Kuss, 1998, Bleistift auf Papier, 200 cm x 300 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie

Purismus, Peter König, Kussmaschine, 1999, Bleistift auf Papier, 200 cm x 325 cm, Preis auf Anfrage, SüdWestGalerie
VIDEOS PURISMUS
Purism in Art | Origins, Style & Key Artists Explained | Allan’s Canvas | Born in post-World War I France, Purism sought harmony, clarity, and order in art. Led by Le Corbusier and Amédée Ozenfant, the movement reacted against Cubism’s fragmentation, favoring clean lines, simple forms, and a machine-age aesthetic. In this video, we explore the philosophy of Purism, its major works, and how it influenced architecture, design, and modernist thought. Discover why Purism remains a quiet but important chapter in the history of 20th-century art. | YouTube
KURZBESCHREIBUNG PURISMUS
DIE ÄSTHETIK DER REINEN FORM
Der Purismus ist eine von Amédée Ozenfant und Le Corbusier 1918 begründete Ästhetik und Kunstrichtung, deren Theorie durch die von ihnen herausgegebene Zeitschrift „L’Esprit Nouveau“ propagiert wurde. Der Purismus entstand aus einer positiven Kritik am Kubismus, dessen dekorative Aufweichungserscheinungen Ozenfant und Le Corbusier in ihrer 1918 erschienen Schrift „Après le Cubisme“ beklagten, und war ein Ruf zur Ordnung, basierend auf der Erkenntnis, dass Ordnung sowohl für den Geist des Menschen wie auch für seine Umwelt eine unabdingbare Notwendigkeit ist. Der Purismus strebte eine klare, rationale Malerei an , die der modernen, technisch wissenschaftlichen Welt entsprach. Um die strenge anonyme Ordnung der Formen nicht durch individuelle, gefühlsmäßige, zufällige Einflüsse zu trüben, zog der Purismus als Bildobjekt den industriell hergestellten, standardisierten Gegenstand, das „Objekt moderne“ vor, das er mit harter, glatter, maschineller Präzision wiedergab. Diese Ästhetik hatte vor allem Einfluss auf die Entwicklung der modernen Architektur, aber auch auf die Kunstrichtung des Präzisionismus. Der Purismus ist eine der einflussreichsten Strömungen der Moderne. Er revolutionierte das Verständnis von Kunst, Design und Architektur, indem er das Chaos der Welt in mathematische Ordnung goss.
DEFINITION PURISMUS
Der Purismus (vom lateinischen purus = rein) ist eine Kunst- und Architekturtheorie der Moderne. Er versteht sich als eine Weiterentwicklung und gleichzeitige Korrektur des Kubismus.
KERNPRINZIPIEN PURISMUS
Ablehnung des Ornaments: Dekoration ohne Funktion wird als überflüssig und ablenkend abgelehnt.
Mathematische Ordnung: Kunst und Architektur basieren auf klaren, geometrischen Gesetzen und Proportionen (z. B. dem Goldenen Schnitt).
Die Ästhetik der Maschine: Industriell gefertigte Alltagsgegenstände werden für ihre funktionale, schnörkellose Form als neue Schönheitsideale gefeiert.
Objektive Realität: Statt emotionaler Willkür sucht der Purismus nach universellen, zeitlosen Formen (Objekt-Typen).
HISTORIE & CHRNOLOGIE
Der Purismus war eine direkte Antwort auf die gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg.
1918 – Das Manifest
Der Maler Amédée Ozenfant und der Architekt Charles-Édouard Jeanneret (später bekannt als Le Corbusier) veröffentlichen das Manifest Après le cubismus (Nach dem Kubismus). Es gilt als die Geburtsstunde der Bewegung.
1920–1925 – Das Sprachrohr
Die beiden Gründer geben die einflussreiche Avantgarde-Zeitschrift L’Esprit Nouveau (Der neue Geist) heraus. Sie erweitern die puristische Theorie auf Architektur, Städtebau und Gesellschaft.
1925 – Der Höhepunkt
Auf der Weltausstellung für Kunstgewerbe in Paris präsentiert Le Corbusier den Pavillon L’Esprit Nouveau. Er zeigt eine radikal puristische Wohneinheit inklusive standardisierter Designmöbel.
Ab 1926 – Die Metamorphose
Die reine Malerei des Purismus verliert an Schwung. Die Prinzipien fließen jedoch vollständig in die internationale Architektur der Moderne (International Style) und das Industriedesign ein.
WEGBEREITER PURISMUS
Der Purismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er baute auf philosophischen und künstlerischen Vorläufern auf:
Der späte Paul Cézanne
Seine Methode, die Natur auf grundlegende geometrische Formen (Zylinder, Kugel, Kegel) zu reduzieren, legte das Fundament.
Der frühe Kubismus (Braque, Picasso)
Er brach mit der klassischen Perspektive. Dem Purismus ging der Kubismus jedoch bald „zu weit“, da er Formen zersplitterte und dekorativ wurde.
Die Industrialisierung
Die aufkommende Massenproduktion von Autos, Flugzeugen und Maschinen bewies, dass funktionale Gegenstände eine inhärente, reine Schönheit besitzen.
WICHTIGE KÜNSTLER & ARCHITEKTEN
Die Bewegung wurde von einem kleinen, aber extrem fokussierten Kern getragen:
Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret): Der Chefideologe. Er übertrug die puristischen Prinzipien der Malerei auf die Architektur und schuf Ikonen des modernen Bauens.
Amédée Ozenfant: Der theoretische Kopf hinter den Manifesten. Seine Stillleben sind die reinsten malerischen Umsetzungen der puristischen Idee.
Fernand Léger: Stand dem Purismus zeitweise sehr nahe. Er entwickelte eine eigene, monumentale „Maschinen-Ästhetik“ mit zylindrischen, mechanischen Formen.
HAUPTWERKE PURISMUS
„Natur morte“ (Stillleben) von Amédée Ozenfant (verschiedene Versionen, um 1920)
Diese Bilder zeigen alltägliche Objekte wie Flaschen, Gläser und Pfeifen, die in exakten geometrischen Umrissen ineinandergreifen. Die Farbpalette ist streng erdig und gedämpft.
„Gitarre, Flasche und Glas“ von Le Corbusier (1921)
Eine meisterhafte Komposition, die zeigt, wie Musikinstrumente und Alltagsgegenstände zu einer architektonischen Einheit auf der Leinwand verschmelzen.
Pavillon de L’Esprit Nouveau (Paris, 1925)
Ein Prototyp für serielles Wohnen. Ein puristischer Kubus, der um einen Baum herum gebaut wurde, komplett ohne Dekoration, eingerichtet mit Typenmöbeln.
Villa Savoye (Poissy, 1929–1931)
Das absolute Meisterwerk des architektonischen Purismus. Das Gebäude ruht auf weißen Betonstützen (Pilotis), besitzt ein Flachdach, langgezogene Fensterbänder und einen völlig freien Grundriss. Es wirkt wie ein gelandetes, weißes Raumschiff aus reiner Geometrie.
EINFLÜSSE DES PURISMUS AUF DIE HEUTIGE ZEITGENÖSSISCHE KUNST
Der Purismus der 1920er-Jahre wirkt bis heute intensiv nach. Während zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler die strenge Dogmatik von Le Corbusier und Ozenfant oft ablehnen, nutzen sie deren Kernprinzipien – Reduktion, Geometrie, serielle Wiederholung und die Ästhetik des Alltäglichen – als mächtige Werkzeuge in der heutigen Kunstwelt.
Hier sind die wichtigsten Einflüsse des Purismus auf die zeitgenössische Kunst:
Minimal Art und die Ästhetik der Leere
Die direkte Brücke vom Purismus zur Gegenwart schlug die Minimal Art der 1960er-Jahre (Donald Judd, Dan Flavin), deren Erbe heute aktueller denn je ist. Zeitgenössische Bildhauer und Installationskünstler nutzen puristische Prinzipien, um den Fokus radikal auf das Material und den Raum zu lenken.
Das Prinzip: Kunstwerke verweisen nicht mehr auf eine tiefere, verborgene Symbolik. Sie sind genau das, was sie visuell darstellen – reine Form und Struktur.
Heutige Praxis: Künstler wie Santiago Sierra oder Monika Sosnowska nutzen industrielle Materialien (Beton, Stahlträger), um die Architektur des Raumes puristisch zu sezieren.
Post-Digitaler Purismus (Glitch und Vektor-Kunst)
In der digitalen und Krypto-Kunst (NFTs) erlebt der Purismus eine virtuelle Renaissance. Da digitale Räume unendlich komplex sein können, wählen viele Kunstschaffende ganz bewusst den Weg der maximalen Reduktion.
Das Prinzip: Die Reduktion von Formen auf mathematische Vektoren, klare Linien und algorithmische Ordnung – genau wie es der Purismus 1918 mit dem Lineal forderte.
Heutige Praxis: Digitale Künstler wie Vera Molnár (Pionierin der algorithmischen Kunst) oder zeitgenössische Krypto-Künstler nutzen Programmiercodes, um perfekte, harmonische Geometrien zu erzeugen, die frei von menschlicher „Unreinheit“ sind.
Readymades und die „Objekt-Typen“ von heute
Der Purismus feierte standardisierte Industrieobjekte (objets-types) wie Flaschen und Gläser als formvollendet. Die heutige Kunst führt diesen Gedanken im Kontext der Massenproduktion und Digitalisierung fort.
Das Prinzip: Alltagsgegenstände werden nicht wegen ihres emotionalen Wertes, sondern wegen ihrer universellen, funktionalen Form isoliert und ästhetisiert.
Heutige Praxis: Jeff Koons stellte in seinen frühen Werken fabrikneue Staubsauger in Vitrinen aus – eine direkte Weiterführung der puristischen Maschinen-Begeisterung. Aktuelle Konzeptkünstler wie Darren Bader arrangieren Konsumgüter in extrem minimalistischen Setzungen im Ausstellungsraum.
Das Comeback der puristischen Monochromie
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus vor allem im Verzicht auf figurative Darstellung und opulente Farbmischungen.
Das Prinzip: Die Konzentration auf die reine Wirkung einer einzigen Farbe und die Textur des Untergrunds.
Heutige Praxis: Maler wie Robert Ryman oder zeitgenössische Künstler der Radical Painting-Bewegung reduzieren ihre Leinwände oft auf Nuancen von Weiß oder Grau. Sie untersuchen damit – ganz im Sinne von Ozenfants Farbtheorien – wie reines Licht und pure Pigmente den Betrachter psychologisch beeinflussen.
Zusammenfassung
Der größte Einfluss des Purismus auf die Kunst von heute ist die Befreiung vom Ballast. Er hat Künstlern beigebracht, dass das Weglassen von Dekoration und Erzählung kein Verlust ist, sondern die Essenz eines Werkes erst sichtbar macht.
ZEITGENÖSSISCHE KÜNSTLER PURISMUS
Skulptur und Raum: Industrielle Präzision
Diese Kunstschaffenden arbeiten mit der kompromisslosen Klarheit, die Le Corbusier einst für die Architektur forderte. Sie nutzen industrielle Fertigungsmethoden und verzichten komplett auf dekorativen Ballast.
Monika Sosnowska (*1972): Die polnische Künstlerin nimmt architektonische Elemente (wie Stahlträger, Treppen oder Geländer) und reduziert sie auf ihre rein geometrische Skelettstruktur. Ihre monumentalen Skulpturen wirken wie die puristischen Baupläne der Moderne, die im Raum physisch verbogen wurden.
Gerold Miller (*1961): Der deutsche Künstler arbeitet an der Grenze zwischen Bild und Skulptur. Er verwendet hochglänzenden Autolack auf präzise geformten Aluminium- und Edelstahlrahmen. Seine Werke zeichnen sich durch makellose, maschinelle Oberflächen aus, bei denen die „Leere“ im Inneren des Rahmens zum eigentlichen Kunstwerk wird.
Jeppe Hein (*1974): Er führt die geometrische Strenge fort, bricht sie jedoch interaktiv auf. Seine perfekten, minimalistischen Kuben aus Neonröhren oder verchromtem Stahl reagieren auf die Bewegung der Betrachter und spiegeln die Umgebung in absolut klarer Symmetrie.
Malerei: Die Suche nach der reinen Essenz
In der zeitgenössischen Malerei äußert sich der Purismus im radikalen Verzicht auf gegenständliche Erzählungen und in der Konzentration auf das pure Material und die Linie.
Lee Ufan (*1936): Der weltberühmte koreanische Künstler (Mitbegründer der Mono-ha-Bewegung) verkörpert den asiatisch geprägten Purismus. Seine Gemälde bestehen oft nur aus einem einzigen, präzisen Pinselstrich oder wenigen Punkten auf einer ansonsten völlig leeren, weißen Leinwand. Es geht um das pure Verhältnis von Form, Raum und Zeit.
Loie Hollowell (*1983): Die US-amerikanische Künstlerin übersetzt organische und menschliche Formen in mathematisch absolut symmetrische, geometrische Kompositionen. Ihre Bilder nutzen Licht- und Schattenverläufe mit einer fast architektonischen, plastischen Reinheit.
Callum Innes (*1962): Ein schottischer Meister der „aufgelösten“ Malerei. Er trägt Farbe auf die Leinwand auf und wäscht sie anschließend mit Terpentin systematisch wieder ab. Was bleibt, ist die pure, freigelegte Struktur des Pigments – ein Akt des malerischen Purismus, der alles Überflüssige entfernt.
Thomas Kitzinger (* 1955 in Neunkirchen/Saar):
Er malt oft serielle, extrem reduzierte Porträts oder sachliche Alltagsgegenstände auf glatten, industriellen Bildträgern wie Aluminium. Seine Arbeiten zeichnen sich durch eine makellose, fast maschinell wirkende Präzision aus, die jede persönliche, emotionale Handschrift des Künstlers zugunsten der reinen, objektiven Form eliminiert. Das knüpft direkt an Le Corbusiers Forderung nach sachlichen „Objekt-Typen“ an.
Peter König (* 1953 Geboren in Nürnberg):
Der strukturelle Purismus mit dem Fokus auf die Maschinenästhetik.
Mit einer großen Faszination für das Mechanische setzt Peter König sich intensiv mit anatomischen Strukturen und maschinell-mechanischen Konstrukten auseinander. König geometrisiert die organische Form und zelebriert die absolute Schärfe und Linearität der Linie. Diese kompromisslose, mathematisch-konstruktive Strenge teilt die ästhetische DNA mit den Maschinen-Manifesten des frühen Purismus.
Alltagsgegenstände und die „Objekt-Typen“
Die puristische Idee, industrielle Massenprodukte (objets-types) für ihre funktionale Ästhetik zu feiern, wird von heutigen Konzeptkünstlern weitergedacht:
Darren Bader (*1978): Er arrangiert alltägliche Konsumgüter, Designobjekte oder sogar Lebensmittel in extrem nüchternen, puristischen Kompositionen direkt auf dem Galerieboden. Er hinterfragt damit – genau wie Ozenfant vor 100 Jahren – die Grenze zwischen Alltagsdesign und Hochkunst.
ZITATE PURISMUS
Die kompromisslose Haltung der Puristen lässt sich am besten durch ihre eigenen Worte verstehen:
„Das Haus ist eine Maschine zum Wohnen.“ | Le Corbusier (Ausdruck des radikalen funktionalen Denkens)
„Der Kubismus ist zu einer dekorativen Kunst der Intellektuellen geworden. Wir wollen eine Kunst, die gesund, klar und rational ist.“ | Ozenfant & Jeanneret (Aus Après le cubisme, 1918)
„Die Kunst hat die Pflicht, das Universelle und Zeitlose darzustellen, nicht das Zufällige und Individuelle.“ | Amédée Ozenfant